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March 07 2019

February 15 2019

Endspiel für Assange


Kaltgestellt Die Regisseurin Angela Richter besuchte den Wikileaks-Gründer in Ecuadors Botschaft in London. Zum letzten Mal, fürchtet sie

Julian Assange sieht sehr blass aus. „Blass“ trifft es eigentlich nicht ganz, seine Haut sieht pergamenten, fast durchscheinend aus. Er hat seit bald sieben Jahren keine Sonne mehr gesehen. Er sitzt mir gegenüber im sogenannten Meeting Room der Ecuadorianischen Botschaft in London, die schlohweißen Haare, sein Markenzeichen, sind schulterlang und er trägt einen langen Bart. Wir machen Witze darüber, dass er aussieht wie der Weihnachtsmann. Er trägt eine dicke Daunenjacke und isst ein Stück von dem Sushi, das ich zum Mittagessen mitgebracht habe. Es ist kalt in dem Raum und ich bereue, dass ich meinen Wintermantel am Empfang abgegeben habe.

Es ist kurz vor Weihnachten, und Julian Assange hat gerade die wahrscheinlich schlimmste Zeit seines Aufenthaltes in der Botschaft hinter sich. Seit März 2018 war er praktisch in Isolation, kein Telefon, kein Internet und keine Besuche. Vor allem das Internetverbot muss für ihn schwierig sein, es war bisher nicht nur sein Arbeitsfeld, sondern sein einziger Zugang zur Welt.

Die Stimmung in der Botschaft ist angespannt, der neue Botschafter wird erwartet. Man hat Assange die Heizung abgestellt und das Bett genommen, er schläft auf einer Yogamatte. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man alles tut, um ihm den Aufenthalt so zu erschweren, dass er sich schließlich geschlagen gibt und die Botschaft freiwillig verlässt. Doch was erwartet ihn dann?

Er sieht zum ersten Mal, seit ich ihn kenne, wirklich mitgenommen aus, sein ehemals jungenhaftes Gesicht, das zu den silberweißen Haaren immer eigenartig wirkte, hat sich ihnen altersgerecht angepasst. Die neun Monate der Isolation haben ihn sichtlich geschwächt, er ist magerer geworden, aber im Gespräch wirkt er geistig sehr klar und entschlossener denn je.

Umringt von Mikrofonen

Als ich ihn frage, wie er die Isolation so lange ertragen hat, antwortet er mir, dass er zunächst fast erfreut darüber war. Er sei sich sicher gewesen, dass eine solch eklatante Verletzung seines Menschenrechts für große öffentliche Empörung sorgen würde und sich aufgrund von Druck aus den Medien sogar europäische Politiker für ihn einsetzen würden. Doch nichts dergleichen geschah, und als die Monate vergingen, verlor er seinen Glauben daran.

In der Zwischenzeit war sogar an die Öffentlichkeit gelangt, dass seitens der US-Behörden Strafanzeigen gegen Julian Assange vorliegen. Anklagen, die angeblich unter Verschluss bleiben sollten, bis Assange sich der Festnahme nicht mehr entziehen könnte. Sie bestätigen, was Assange seit Jahren fürchtet und wofür man ihn des Öfteren in der Presse für paranoid erklärt hat. Aber auch nach dieser Enthüllung bleibt die Empörung aus.

Sein 2012 als politisches Asyl gewährter Aufenthalt in der Botschaft ähnelt inzwischen immer mehr einer Inhaftierung mit teilweise rigiden Bestrafungen. Die Isolation ist immer noch nicht völlig aufgehoben, von Freitagabend bis Montagmorgen gilt immer noch das Kontaktverbot, und wer ihn besuchen will, muss einen formellen Antrag an die Botschaft stellen. Es gab wohl auch Ablehnungen, erzählt er mir. Ich hatte Glück und habe von den beantragten vier Stunden zwei genehmigt bekommen.

Ich habe Julian Assange zwischen 2012 und 2017 um die 30 Mal in der Botschaft Ecuadors besucht. Daraus sind drei Theaterstücke entstanden und eine Freundschaft mit einer der umstrittensten Personen unserer Zeit. Es war nicht immer leicht, ihn zu verteidigen, vor allem seit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA, für die ihn viele Journalisten, ehemalige Unterstützer und auch Freunde von mir mitverantwortlich machen. Außerdem scheinen die meisten Journalisten sich darauf geeinigt zu haben, dass es eine irrwitzige Verschwörung gibt zwischen Trump und Putin, mit Assange als Verbindungsmann und Helfer. Ende November behauptete der Guardian, Paul Manafort, Leiter der Präsidentschaftskampagne von Donald Trump, habe Assange dreimal in London getroffen: 2013, 2015 und 2016. Fidel Narváez, der damalige ecuadorianische Konsul in London, bestritt dies förmlich. Wikileaks leitete ein Gerichtsverfahren gegen den Guardian ein, Manafort dementierte die Treffen öffentlich. Sein Name taucht im Gästebuch der ecuadorianischen Botschaft nicht auf und es gibt keine Bilder davon, wie er eines der bestüberwachten Gebäude der Welt betritt oder verlässt.

Assange hat das alles natürlich verfolgt; als ich ihn danach frage, sagt er nur, dass die Geschichte im Guardian frei erfunden sei. Während er sich nach meiner Familie erkundigt und wir Sushi essen, versuchen wir zu ignorieren, dass wir umringt sind von Kameras und Mikrofonen. Sogar in der kleinen Küche im Flur ist jetzt eine Kamera installiert, was vormals noch die einzige überwachungsfreie Ecke war, in die wir uns manchmal zurückzogen. In letzter Zeit wurde nach und nach das Personal ausgewechselt, die neue Belegschaft kennt Assange nicht gut, nur die Putzfrau ist dieselbe. Die Diplomaten, die mit ihm sympathisiert haben, sind nicht mehr da.

Zur Ablenkung packe ich ein paar Geschenke für ihn aus, deutsches Vollkornbrot, das er liebt, frisches Obst, Ovomaltine, einen Brief mit einer Kinderzeichnung, den ihm mein ältester Sohn schickt, und eine ukrainische Wurstspezialität von der Krim, die mir ein Freund und ehemaliger Dramaturg von Frank Castorf mitgegeben hat. Ich versuche wieder, das Gespräch auf ihn selbst und seine prekäre Lage zu lenken, aber das erweist sich als schwierig. Ich kenne kaum jemanden, der so ungern „ich“ sagt wie Julian Assange, was erstaunlich ist, wenn man bedenkt, wie oft er als Narzisst und Egomane beschrieben wird.

Blaupause für uns alle

Es ist schwer, den komplexen Charakter von Assange zu beschreiben. Eines ist mir in den letzten Jahren aber klar geworden, er ist dem Durchschnitts-Intellektuellen einfach nicht vermittelbar. Er ist ein penibler Archivar, ein mutiger Enthüller und kompromissloser Ikonoklast, hochemotional und zugleich sachlich, neben dem die meisten Künstler und Intellektuellen, die ich kenne, wie Biedermänner wirken, die ihre persönlichen Wohlstandsneurosen gewinnbringend verkaufen.

Wenn Assange aber gar nicht der ruchlose Unsympath ist, der seine Lage durch seine Egomanie selbst verschuldet hat, was heißt das dann im Umkehrschluss? Ist er dann nicht eine Blaupause für uns alle? Was ihm mitten in Europa seit Jahren widerfährt, zeigt, was jedem widerfahren könnte, der es wagt, seine Stimme zu erheben und die Wahrheit über die Mächtigen zu enthüllen. Und das nicht etwa in Russland oder China, sondern im freien Westen.

Sein Motto „Let’s make trouble“ hat Assange nie aufgegeben. Er erzählt mir, er habe während der Isolation gehofft, dass er ein wenig „Ferien machen kann von Wikileaks“. Aber alles schlief dann etwas ein, keiner riss sich darum, das Ruder zu übernehmen, was nicht weiter verwunderlich ist, wenn man die Konsequenzen sieht. Er sagt, er glaube, dass seine Isolation ein Probelauf dafür war, was passieren würde, wenn er irgendwann doch ins Gefängnis käme: Wikileaks würde sich wahrscheinlich langsam auflösen.

Ich denke, dass er recht hat. Seit ich Assange kenne, ist mir klar geworden, dass seine Organisation nur durch seine immense Beharrlichkeit existieren kann. Er munterte mich oft auf mit dem Satz „Courage is contagious“, Mut ist ansteckend. Ich kann das für mich bestätigen, er hat diesen Effekt, dass man sich ermutigt fühlt, mehr zu riskieren. Ruhm und Ehre hat ihm sein Beharren auf der Wahrheit von dokumentierten Fakten nicht gebracht. Im Gegenteil. Und doch hat er nie resigniert, ich habe in den letzten Jahren einige Höhen und Tiefen miterlebt, ich habe mit ihm und seinem Team in der Botschaft stundenlang, manchmal nächtelang geredet, aber auch gestritten, gelacht, gegessen, getrunken, gesungen und gebangt.

Drei Botschafter wurden während dieser Zeit ausgewechselt, am Tag meines Besuches ist der vierte gerade in London eingetroffen, und seine Hauptaufgabe wird wohl darin bestehen, Assange möglichst schnell loszuwerden, mit dem kleinstmöglichen politischen Imageschaden für Ecuador. Die New York Times berichtete kürzlich, dass es im Jahr 2017 mehrere Gespräche zwischen dem ecuadorianischen Präsidenten Lenín Moreno und dem inzwischen notorischen Paul Manafort gegeben hat. Manafort war nach Quito gereist, um Investitionen Chinas für Ecuador anzukurbeln. Angeblich wurde beim Treffen mit Moreno auch über Assange gesprochen, über einen Deal, um Assange an die USA auszuliefern, im Gegenzug würden dafür Ecuador Schulden erlassen werden. Assange witzelt, ob es nicht ironisch wäre, dass nun ausgerechnet der IMF, der Internationale Währungsfonds, über sein weiteres Schicksal entscheidet. Er lacht gequält, am Ende entscheide immer das große Geld. Wir stellen fest, dass es nun um seine Verfolgung durch die USA eigentlich kein Geheimnis mehr gibt, alles liegt offen da und es passiert – nichts. Es ist zum Verzweifeln.

Am Ende sind es doch vier Stunden, die ich da bin. Als ich mich verabschiede, umarmen wir uns fest, es könnte das letzte Mal sein, dass wir uns sehen. Draußen unterhalte ich mich noch mit einigen Unterstützern, die mit selbstgemalten Transparenten und angezündeten Kerzen vor der Botschaft kampieren, sie halten seit Jahren durch, was ich bewundernswert finde.

Am 21. Dezember, drei Tage nach meinem Besuch in der Botschaft, veröffentlicht Wikileaks eine Einkaufsliste: 16.000 Beschaffungsaufträge von US-Botschaften auf der ganzen Welt, unter anderem für Spionagegeräte. Julian Assange ist wieder online. Am gleichen Tag wiederholen die UN-Menschenrechtsexperten der „Working Group on Arbitrary Detention“ (WGAD) ihre Forderung von 2015, dass Großbritannien seinen internationalen Verpflichtungen nachkommen und den Wikileaks-Gründer sofort aus der ecuadorianischen Botschaft in die Freiheit entlassen soll. Möglich wäre dies, indem ihm freies Geleit garantiert wird, oder wenigstens, dass er nicht in die USA ausgeliefert wird, nach einer möglichen kurzen Haft in Großbritannien.

Assanges Schicksal liegt also in den Händen des Vereinigten Königreichs, es könnte diese himmelschreiende Situation leicht beenden, was es bisher aber verweigert. Und Europa schweigt dazu. Was muss noch passieren, damit sich das ändert?


Reposted fromFreeminder23 Freeminder23

March 07 2019

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